Begegnung mit meinem inneren Schweinehund

Ich wache morgens auf und blinzle die Müdigkeit aus meinen Augen. Die Sonne scheint – heute wird ein schöner Tag. Das stimmt mich positiv, ich bin motiviert und voller Tatendrang, bereit, in den Tag zu starten und endlich an meinem Buch weiter zu schreiben.

Doch da sitzt er auf der Couch und schaut mich mit seinen großen Kulleraugen an. „Bleib hier, bei mir!“, säuselt er. Ich schüttle den Kopf und werde sofort mit einem herzzerreißenden Dackelblick bestraft.
„Aber…“, setze ich an.
„Hier, auf der weichen Couch, beim Fernseher.“ Er tappt mit seiner Pfote auf den Platz neben ihm. „Du brauchst den ganzen Tag nichts zu tun.“, hallt seine Stimme in meinem Kopf. Mein Blick schwenkt zwischen der Sonne, die durchs Fenster scheint und der Couch hin und her. Na gut, nur kurz hinsetzen, damit ich mir einen Plan für den Tag machen kann. Jetzt sitze ich also hier, mit einem Stift und einer leeren To-Do-Liste, die darauf wartet, gefüllt zu werden. Doch ich kann keinen klaren Gedanken fassen, denn das blöde Vieh neben mir hat sich in dem Moment dazu entschieden, eine Darbietung von Gegrunze, Gekläffe und Geheule zum Besten zu geben.

„Kannst du mal still sein?“, keife ich zurück. Doch das macht es nur noch schlimmer. Genervt lege ich die immer noch leere Liste beiseite. Mein Blick fällt auf meinen Laptop. Ich könnte mich damit in den Garten setzen und ein Kapitel schreiben. Na dann, auf geht’s.
Aber was…?  Etwas hält mich zurück.
Das grausliche Viech ist tatsächlich von der Couch gesprungen und hat sich an meinem Bein festgebissen. „Autsch!“ Ich versuche, das Ding abzuschütteln. Doch statt loszulassen, beginnt es nur, seltsam zu knurren. Ich seufze.  Mit einem sabbernden Fellknäuel am Bein schleppe ich mich also weiter zum Tisch, auf dem mein Laptop steht und schalte ihn ein.

Doch statt mit meinem Vorhaben zu beginnen, schweifen meine Gedanken ab und ich beginne stattdessen zu überlegen, wie ich meinen ungebetenen tierischen Dauergast wieder loswerden könnte. Und meine erste Idee ist – füttern! Vielleicht ist er nur so anhänglich, weil er Hunger hat! Also schleppe ich mich weiter bis zur Küche und hole ein Stückchen Fleisch aus dem Kühlschrank. Und wenn ich schon hier bin, könnte ich mir doch auch etwas Süßes gönnen? Mit einem alten Stück Fleisch und einem großen Glas Nussnougatcreme schleppe ich mich zurück zur Couch. Das Knäuel an meinem Bein hinterlässt dabei eine schleimige Sabberspur.

Jetzt sitze ich also wieder hier auf meiner Couch, Nougat-Brotaufstrich mit einem Löffel aus dem Glas essend und schaue einem Tier beim Fressen zu, von dem ich nicht einmal genau definieren kann, ob es sich um einen räudigen Hund, ein Schwein oder doch vielleicht um eine seltene Art Faultier handelt. Ich schließe meine Augen und atme tief durch. Wo ist die Motivation von heute Morgen geblieben? Als ich meine Augen wieder öffne, fällt mir vor Schreck fast das Nougatglas aus der Hand. Na toll, das Vieh ist gewachsen! Als ich einen Fuß auf den Boden setze, beginnt es, mich zähnefletschend anzuknurren. Ich muss hier weg! Zitternd stelle ich das Glas ab, schnappe meinen Laptop und laufe zur Wohnungstür. Schnell schlüpfe ich durch die Tür nach draußen. Doch als ich sie von außen schließen will, hindert mich eine riesige Klauen-Pfote daran.

„Bleib hier bei mir!“, knurrt es und ich weiß nicht, ob das Ding gerade wirklich mit mir spricht oder ob die Stimme nur in meinem Kopf ist. „Hier ist es viel gemütlicher!“
„Ich bin bald wieder da!“, rutscht es mir heraus, so, als ob ich mit einem ganz normalen, harmlosen Haustier sprechen würde.  Und tatsächlich, die Klaue zieht sich aus der Tür zurück und ich kann nach draußen gehen. Und endlich das nächste Kapitel meines Buches schreiben.

Knappe zwei Stunden später betrete ich, zufrieden mit meinem bisherigen Werk, vorsichtig wieder meine Wohnung. Und siehe da, mein ungebetener Dauergast liegt in einer Ecke und schläft – und er ist wieder etwas geschrumpft!

Ich befürchte, dass diese Kampftaktik gegen meinen inneren Schweinehund nicht immer funktionieren wird und auf keinen Fall eine Dauerlösung ist, aber vorerst versuche ich es mit kleinen Schritten. Zumindest, bis das Vieh wieder eine weniger furchteinflößende Größe angenommen hat.

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